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Karin Bandelin

Auf Mutters Fahrrad durch die Wiese.

Peter Ruthenberg über Karin Bandelins Videoarbeit. Berlin 2010

Ist Bildproduktion ohne hinterfragbaren Sinn das Zeichen des Bösen auf der Stirn der Zeit?
Man weiß nicht, aber, man meint zu wissen, was gemeint ist.
“Allgemein sind wir einig über Wert und Unwert von Bildern...”
Sind wir?
Und warum: EINIG?

Ob es schwer ist, während der Aufzeichnung den Empfangsfluss nicht zu stören?
Will das geübt sein? Kann das geübt werden?
Multitasking.
Zuhören, beobachten und in Schrift oder Bild übersetzen?
Alles zugleich?
Macht das Sinn?
Und wenn, welchen?

Sinn und Verstand von Worten bleiben oft deshalb verborgen, weil ihnen keiner innewohnt.

Was hat es mit Parallelität und Zeitverschiedenheit von Gedanken (Erinnerungen?) und “Bildern” (Was sind Bilder?)auf sich?

Kann eine Projektion “Schönheit” sein?

Und was können Bilder?
Können sie Erfahrungen (Geruch, Temperatur, Wind, Bewegung, Verhältnis der Person zur Situation) weitergeben? Kann man das abbilden?
Oder ist das ein sysiphonisches Ansinnen?
Oder ist hier einfach nur ein unzutreffender Anspruch formuliert?

Will Kunst eine Bewegung beim Rezipienten auslösen?
Eine ErINNERung? (Vielleicht eine an etwas noch nicht Gelebtes?)

Durch meisterliches Tun wird mehr aus einem Stück Leinwand, ein paar Farbpigmenten und Bindemittel. Mehr als die Addition von Materialien und Mischung von Farben.

Das Kino hat diesen Mehrwert zu schaffen versucht. Durch grosse dramatische, zu Tränen und Lachsalven rührende Geschichten.

Insofern ist KBs Versuch nichts, garnichts Neues.

Im 21. Jahrhundert eine Facette einer menschlichen Anstrengung, die so alt ist, wie der Mensch.

Neu ist, das sie das versucht mit Hilfe des Mediums VIDEO, dem aus Nullen und Einsen gepixelten Bild. KB folgt dabei nicht der aus Spiel-und Actionfilmen und Musikvideos hervorgegangenen normativen Dramaturgie der Sensation. Sie reinigt das Medium von übelriechendem Überfluss, von all den Fallen, die den Nachäffern verhängen. Aktion, Tempo, Linearität sind anderer, geänderter Behandlung unterworfen, in weiter Distanz zum Charakter US-amerikanischer Bewegtbilder.

KBs Kindheitsgeschichte vom Mifahren auf dem Rad der Mutter durch die Wiesen ist ein Schlüssel zu ihrer Arbeit (Farben, Gerüche, Wind, alles bewegt sich in menscherzeugtem Tempo. Analog.)

Analoge Geschichten wie Marcel Prousts Suche.
Es ist die untersuchende Beschreibung der Zustände anhand der Vorgänge und Versatzstücke eines individuell erfahrenen , erlebten und wieder zusammengefügten Mosaiks, Puzzles , Kaleidoskopes von maximaler Originalität. Jeder hat ein anderes Bild von der gleichen Situation, weil der Wahrnehmungswinkel und die Rezeptoren unterschiedlich sind, auf die die Lichtpunkte treffen.

Auch die Gewichtung der Puzzleteile ist von erheblicher Bedeutung: Wieviel macht das Licht aus , wieviel der Geruch, wieviel die Bewegungsgeschwindigkeit, wieviel der Zustand der eigenen Körperbefindlichkeit, wieviel Augenfehler und sonstige Besonderheiten...?

Proust hat in der Schulzeit Rabier gelesen (1884, Bd 1 S.649-652).
“Die Kunst gebietet über die Zeit: sie vergegenwärtigt sowohl die verflossene Zeit als auch die Zukunft, die noch nicht ist(...) Die Kunst vermag ihre Schöpfungen dem Gesetz der Zeit zu entziehen, da sie den aus dem Leben eines Individuums zur Darstellung ausgewählten Augenblick verewigt(...) Die Natur, die in ihren Werken da und dort eine mehr oder minder vollkommene Schönheit realisiert, bringt dem Künstler gleichsam die ersten Worte einer göttlichen Sprache bei, deren Geheimnis sie zweifellos besitzt, aber nicht ausspricht. Es obliegt dem Künstler,sich zu ihrem Meister zu machen um das Gedicht der Schönheit zu komponieren. (...)”
Jean-Yves Tardie (Marcel Proust Biographie, dt. Ausgabe übersetzt von Max Looser, Suhrkamp 2008):
“Ausführlich äussert sich Rabier auch über das Gedächtnis, wobei er die Verbindung von Ideen und Sinnesempfindungen betont: - Jeder wiederauflebende Bewusstseinszustand hat seine unmittelbare Bedingung in einem Eindruck, der dem ursprünglichen Eindruck ähnlich ist- (Rabier)”

Die Kunst des 21. Jahrhundert, des digitalen Zeitalters, realistisch zu beurteilen, muss man sie an Parametern messen, die noch nicht durch die Reduktion auf Kombitationen von 0 und 1 eingeschränkt worden sind. Ein verlässliches Kriterium dazu ist, auf jene (alten) Stimmen zu hören, die den uneingeschränkten Reichtum eines Zahlen/Zeichensystems beinhalten, dass vielfältiger, nuancierter als alle nullEINS Kombinationen ist.

Kann das Medium Video der digitalen Beschränkung auf Ja oder Nein in den Köpfen und Seelen des 21.Jahrhunderts, durch den Einsatz der Ergebnisse prädigitalen menschlichen Wahrnehmens entgegenwirken? Bereicherung durch Differentzierung und Variation, durch “Vielleicht” und “eventuell”?
Kann man der projektilhaften Schnelligkeit horizontaler Pfeillinien durch vertikale Bohrungen, Verdichtungen und Komprimierungen etwas vom Tempo, von der Durchschlagskraft und und schmissiger Attraktion nehmen?

Ist sie nur eine altertümliche Logik, die des menschlichen Imaginären, aufgeteilt zwischen Tag und Nacht, Nichts und Ewigkeit, Angst und Traum?

Proust stellt Klarheit und Dunkelheit einander gegenüber, Mallarmé Weiß und Schwarz, Jungfräulichkeit und Mysterium. Das Weiß der Buchseite reinigt den Leser, der anschließend den Zugang zu der im Text anwesenden, gegenwärtigen Idee findet: “darüber hinaus wird nichts weiter erhellt.” Wie es kein Jenseits des Lebens gibt (“Das glanzvolle, ewige Genie hat keinen Schatten”) so gibt es auch kein Jenseits der Buchseite; alles ist im Geschriebenen und in der Lektüre. ( Mallarmé)

Gibt es eine Kunst Jenseits der Kinoleinwand? Hinter dem Flachbildschirm?